Essay

Humor: „Wanted: Helferin!“

Dr. Gregor Ley

von Gregor Ley

Schön, wenn man sofort merkt, dass man eine neue Mitarbeiterin gefunden hat, mit der man gemeinsam in eine glorreiche Zukunft starten kann. Nichts stellte ich mir einfacher vor, weniges war bisher schwieriger. Die Anforderungen waren klar und in meinen Augen nicht unrealistisch hoch gesteckt: dynamisch, kommunikativ, teamfähig, gepflegt, humorvoll, hübsch anzusehen, geschickt, leise, 90-60-90 (IQ – Wochenstunden – Fingerlänge in cm), flink, kinderwunschlos, nickend und nach einem Hauch von Rose duftend, den Praxismief neutralisierend.

Die ersten Sätze des Bewerbungsgesprächs lauten logischerweise: „Darf ich denn auch mal samstags reinkommen und Ihnen beim Implantieren assistieren? Titanschräubchen sind meine heimliche Leidenschaft, müssen Sie wissen! Oder am Wochenende mal auf eine Fortbildung, fänd ich tooooootal spannend! Ich habe neulich übrigens diesen Fachartikel über „Selective Etch“ gelesen, könnten Sie mir dazu bei Gelegenheit noch ein paar Fragen beantworten?“
Mal nix zu tun zwischendurch? Sie schnappt sich Ziff und poliert das Labor auf Hochglanz. Patient zahlungsunwillig? Sie argumentiert gekonnt und überzeugt jeden mit ihrem Perlweiss-Lächeln, wie unmännlich Ratenzahlung in Wahrheit doch sei. Ehekrise? Sie… Kleiner Scherz.

Kann doch nicht so schwer sein, so eine Dame zu finden! Denkste. Einige Ohnmachtsanfälle, fallen gelassene Sauger, scheppernde Trays, eingesaugte Zungen, meterweit daneben polymerisierte Füllungen – Stunden des Arbeitens in völliger Dunkelheit später bin ich fertig und kurz davor, aufzugeben. Was zur Hölle ist so schwer daran, einen Lichtkegel auf die distale Fläche eines 8ers zu werfen?! Check ich nicht. Wie kann man ständig einen Kugelstopfer anreichen, wenn ich im nächsten Schritt doch OFFENSICHTLICH mit einem Heidemann eine Fissur zaubern möchte? Mir unverständlich.

Einen (!) Tropfen Bonding auf einem Wattepüschelchen platzieren? Nix da, da wird auf das Fläschchen gedrückt, dass die Flüssigkeit nur so durch den Raum spritzt. Aber ist nicht weiter schlimm, kostet ja kaum was, das Zeug: 15.600 Euro der Liter.

Und wo es dann wirklich aufhört: Nach einem halben Tag Probearbeiten wegen „Kopfschmerzen“ das Weite suchen! Entschuldigung?! Hier ist eine Aspirin, Job or no Job?
Man erlebt natürlich auch Positives in der Phase der Personalsuche. „So spannend hätte ich mir Zahnmedizin gar nicht vorgestellt!“ sagte mir eine Bewerberin voller Begeisterung. „Na schau, sie hat den Reiz des Berufes erkannt!“ dachte ich mir und wollte ihr am nächsten Tag direkt zusagen. Absaugen fand sie aber wohl doch nur für einen Tag aufregend. Sie hob nie wieder vom Handy ab, wenn unsere Praxisnummer in ihrem Display erschien. Und so etwas erlebte ich nicht nur einmal.
Liegt es also an mir, am Beruf oder an den Bewerberinnen? Ersteres ist selbstverständlich auszuschließen, Zahnärzte im Allgemeinen neigen ja nicht unbedingt zu ausgeprägter Selbstreflexion. Ich auch nicht.
Liegt es also an den Berufsanforderungen? Sicherlich muss man eine gewisse Affinität für Handwerkliches und Medizinisches haben und sollte gerne mit Menschen umgehen. Das vorausgesetzt, ist unser Arbeitsgebiet aber doch sicherlich spannender als stumpf Regale einzuräumen, Polyester-Pullover zusammenzulegen oder Fingernägel anzumalen. Und der Traumberuf „Mode­bloggerin“ ist im Netz mittlerweile wohl auch schon etwas überbesetzt….
Mangelnde Motivation der Generation Y? Möglicherweise, vielleicht aber auch einfach der fehlende Wille, sich bewusst für etwas im Leben entscheiden zu wollen. Es könnte ja noch etwas besseres kommen. Auch wenn in den seltensten Fällen eine klare Vorstellung davon vorliegen dürfte, was genau das sein soll.
Ich werde jedenfalls nicht aufgeben. Und wenn ich die nächste Bewerbungsmappe aufschlage und mir ein „Halo Herr Dockter,…“ ins Gesicht springt, schaue ich gelassen auf das Schild gegenüber meines Schreibtisches. „Du hast ein Problem? Gut, du lebst!“ steht darauf geschrieben.

Kategorien:Essay

3 replies »

  1. …und ich träume noch immer von einem attraktiven, smarten, gewandten, belesenen, sportlichen Zahnarzt mit dicken 25 cm (Brieftasche natürlich, weil’s so lustig ist) – der einfach mal kein Sexist ist!

    Was ein Quark.

    Mathias S.
    Rechtsanwalt

    • Zu gerne würde ich Ihnen meine Dienste anbieten, jedoch behandele ich leider ausschließlich Frauen mit großer Oberweite.
      (Weil’s so lustig ist)

      Deutscher Humor ist, wenn man trotzdem nicht lacht. (Sigismund von Radecki)

      Gregor Ley
      Feminist

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