Essay

Ley’densdruck: Jeder ist ersetzlich – wir auch?

Von Dr. Gregor Ley
Lange wird es nicht mehr dauern, und die ersten Autos rollen ohne Zutun ihrer Fahrer über die österreichischen Straßen. Das wird Folgen haben und Fragen aufwerfen: Worüber werden wir mit unserem Beifahrer streiten, wenn keiner mehr zu dicht auffährt, zu schnell fährt oder falsch abbiegt? Brauchen wir noch Fahrschulen? Wie werden 18-Jährige in Zukunft ihre Coolness unter Beweis stellen? Lassen autonome Autos an der Ampel den Motor aufheulen? Erkennen sie mit Hilfe ihrer zahlreichen Sensoren den kriechenden Toyota Prius auf der linken Spur und aktivieren die Lichthupe? Werden Partnerschaften harmonischer, wenn wir nicht mehr über die Frage streiten müssen, wer fahren muss und wer trinken darf? Werden wir in Summe also wieder mehr Alkohol trinken? Und die Afterhour vielleicht auf der Rückfahrt feiern? Werden Autos sich selbstständig aus dem Halteverbot schleichen, wenn sich eine Politesse nähert? Wie viele Einnahmen entgehen dem Staat dann durch die fehlenden Strafmandate? Alles ungewiss, alles ungeklärt, die Zukunft wird es zeigen. Doch viel brennender ist eine andere Frage: Wird diese steigende Technisierung nach Eroberung des Straßenverkehrs auf andere Bereiche des täglichen Lebens übergreifen? Wird sie die Ausübung verschiedener Berufe beeinflussen? Oder gar Berufe ersetzen? Uns Zahnärzte ersetzen???
Einen kleinen Ausblick darauf, wie so etwas aussehen könnte (oder auch nicht), liefert ein Youtube-Video mit dem Titel „Robot for cavity preparation in Dentistry“. Darin ist ein kleines Maschinchen zu sehen, das Fissuren von Backenzähnen präpariert und versiegelt. In dieser Animation wird das Gerät noch von einem Zahnarzt am Bildschirm per Joystick geführt, doch wozu dann der ganze Aufwand? Schließlich gibt es in der täglichen Praxis wohl größere Herausforderungen, als eine Fissurenversiegelung anzufertigen. Und genau hier stellt sich die Frage, die bei allen technischen Neuerungen gestellt werden muss, auch wenn das nicht immer geschieht: Wo liegt der Zusatznutzen? Geht es so etwa schneller und billiger? Roboter auf den Zahn spannen, PC hochfahren, Updates downloaden, PC neustarten, Roboter kalibrieren, Würgereiz des Patienten in den Griff bekommen, Roboter verrutscht, neu justieren, neu kalibrieren, Bohrer meldet Fehler, Bohrer stumpf, (jetzt wird es peinlich, FacebookLive beenden), Bohrer austauschen, neu kalibrieren, Fissur nach 2 min aufgezogen (Yes! Ging zwar saulangsam, aber war voll Hightech! YES!), Roboter entfernen, Roboter der Helferin übergeben, Roboter runtergefallen, halber Jahresgewinn futsch, Fissur noch kariös, manuell nachpräparieren, Füllung legen, puh. Okay, unbedingt schneller war das nicht, kostengünstiger auch nicht wirklich. Aber ultra Hightech war es halt schon! Yeah!
In meinen Augen eher zweifelhaft, ob sich das durchsetzen wird. Gäbe es hingegen einen Endoroboter, der alle Kanäle automatisch finden und aufbereiten würde…. Das würde in der weltweiten Zahnärzteschaft wohl durchaus einen Ausruf der Erleichterung hervorrufen. Eine Welt, in der man nicht krampfhaft versuchen muss, in dunklen Ecken der Mundhöhle noch dunklere Trepanationsöffnungen wie ein Depp nach Mini-Kanaleingängen abzusuchen. Eine Welt ohne wunde Fingerkuppen, ohne Haltungsschäden, ohne Feilenbrüche, ohne aufstöhnende Patienten (hört man ja nicht mehr, wenn man den Joystick ins Büro stellt). Und wenn die Kanäle dann noch vollautomatisch, randdicht und bis zur Wurzelspitze abgefüllt werden würden! Das wäre in etwa so, als ob der amerikanische Präsident eine Frisur und ein politisches Konzept hätte. Zu schön, um wahr zu sein.
Dental 4.0 entwickelt sich rasant und es wird kein Weg an der Digitalisierung vorbeiführen. Welche Trends sich aber tatsächlich dauerhaft durchsetzen und eine echte Arbeitserleichterung darstellen werden, das steht noch in den Sternen. Der Tag, an dem wir die Abformlöffel endgültig in die Schublade legen, wird aber sicherlich kein schlechter sein. Und vielleicht kommt er schneller, als wir denken.

Kategorien:Essay

1 reply »

  1. Interessante Thematik, und mit Sicherheit betrifft das nicht nur die Welt der Zahnärzte. Das Nerd-Mädel in mir findet es zugleich interessant, aber auch ein klein wenig beängstigend.
    Und so toll es auch klingt, von einem (un)fehlbaren Dr. Robot versorgt zu werden, kann ich mir einen Arztbesuch, ohne Doc aus Fleisch und Blut nicht vorstellen.
    Obwohl… der Holodoc von Startrek… *lach*… es kommen mit Sicherheit interessante Zeiten auf uns zu.

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