Österreich

Das war der Österreichische Zahnärztekongress

Wieviel Chirurgie braucht die Zahnheilkunde?

Ein dichtes Programm voller spannender Themen zeichnete den diesjährigen Kongress in Linz aus.

Nicht nur die Vortrags-Themenfülle, auch das Rahmenprogramm war vom Feinsten – insbesondere die spektakuläre 8K Projektion einer 3D gerenderten zahnärztlich relevanten Anatomie im Deep Space der Ars Electronica.

Im Rahmen der feierlichen Eröffnung mit zahlreichen Festrednern aus Standesvertretung und Politik fanden, musikalisch begleitet vom Oktavian Ensemble unter der Leitung von Prof. Günther Gradischnig, auch Ehrungen statt. So wurden Prof. Dr. Hans Peter Bantleon von Prof. Dr. Adriano Crismani sowie OMR Dr. Wolfgang Doneus von OMR Dr. Hans Schrangl in den Ehrenmitgliedstand der Zahnärztekammer gehoben.

Damit die Zähne was zum Beißen haben…

Den Festvortrag hielt der Physiker und Ex „Science Buster“ Werner Gruber. In seiner typisch launig-sarkastischen Art gab er Nachhilfe-Unterricht zur Physik des Kochens, klärte Mythen in Sachen harter und fasriger Lebensmittel auf und machte eines schnell klar: Veganer ist er ganz sicher nicht.

Die Vorträge

Alle Vorträge hier vorzustellen, würde den Rahmen sprengen. Im Anschluss finden Sie eine kleine Auswahl, die von Zahnmedizinstudenten der DPU in Krems, die parallel den Studiengang Medizinjournalismus belegen, verfasst wurden.

„Darum Myozentrik!“

Frau Dr. Elisabeth Pittschieler aus Wien referierte über das Thema Myozentrik. Spannend vermittelte sie Ihre Ansichtsweise, Therapieformen und daraus resultierende Therapieerfolge der Myozentrik als Alternative zur klassischen CMD-Therapie.

Während des Vortrages ging Pittschieler auf diverse Leitfragen ein – etwa, wo die Myozentrik andere Denkansätze als die klassische CMD-Therapie biete, wie unser Kausystem funktioniere und wie die Zuhörer schlussendlich selbst Ihren Patienten in Sachen CMD-Therapie besser helfen könnten. Auf Grund der breit gefächerten Symptome einer CMD fordert Pittschieler dringend die Etablierung von interdisziplinären Teams (sog. Health Professionals).

Myozentrik, so Pittschieler, sei die Kieferrelation, welche bei aufrechter Körperhaltung mit entspannter Muskulatur und deprogrammierter Sensomotorik spontan und verifizierbar eingenommen werde. Ziel der Myozentrik sei nicht nur die Behandlung von myofaszialen Schmerzsyndromen (Schmerzreduktion), sondern vielmehr auch die Wiederherstellung der Muskelfunktionen.

Das Problem der CMD sei nicht etwa der falsche Biss, hingegen sei es das tagtägliche, muskuläre Halten in der Ruheschwebelage, um schnell in einen falschen Biss zu kommen, da der Biss propriozeptiv (Zielposition entscheidend) gesteuert sei. Die Kompensation der Muskeln gehe Hand in Hand mit einer chronischen Muskelverspannung einher. Daraus resultiere eine Kompression und eine Degeneration mit oder ohne myofasziale Schmerzen. Kiefergelenke wiederum seien nicht die primäre Ursache von CMD, sondern nur sekundär daran beteiligt. „Die Myozentrik verstehe sich unter einer gesunden Funktion unseres Kausystems, Entspannung in der Ruhe und Kraft in der Funktion“, so Pittschieler.

Einflussfaktoren und Prognose oraler Implantationen

Die Lebensdauer eines Implantates hängt von einigen Faktoren ab. Dies führte Univ. Prof. DDr. Robert Haas den Zuhörern im Block Implantologie beim Zahnärztekongress 2018 in Linz anhand vieler Tabellen vor Augen. Er zeigte eine retrospektive Studie über 25.000 Implantate, die an der Wiener Implantat-Akademie gelegt und versorgt wurden. Der gewählte Beobachtungszeitraum erstreckte sich über 10 Jahre, es wurden verschiedene Implantatsysteme verwendet und diverse Varianten der Restbezahnung herangezogen. Die Problemzonen, in der Implantatverluste am häufigsten auftreten, sind Einzelzahn-Frontregion und Oberkiefer Leerkiefer. Mit einer Grafik verdeutlichte der Vortragende, dass die meisten Implantatverluste in den ersten 11 Monaten erkennbar sind und empfiehlt die Einheilphase auf 1 Jahr im Ober- und Unterkiefer zu verlängern. Die Sofortbelastung ist unabhängig von Implantationszeitpunkt eine heikle Situation mit einer höheren Verlustrate als bei Spätbelastung und gehört somit in Spezialistenhände. Die Verlustrate im zahnlosen Oberkiefer ist höher als die im zahnlosen Unterkiefer und so empfiehlt DDr. Haas, die Implantatzahl im Oberkiefer auf mindestens 5 zu erhöhen. Alles in allem war es ein gelungener Vortrag, der den Zuhörern viele neue Informationen und Take-Home-Messages bot.

Vorteile und Risiken der transkrestalen Sinusbodenelevation

AO Univ.-Prof. DDR. Christian Ulm (Wien) berichtet über die Vorteile und Risiken der transkrestalen Sinusbodenelevation anhand einiger Fallvorstellungen.

Die Voraussetzungen für diese Methode sind nach Ulm neben 5-6mm Restknochenhöhe eine ausreichende Kammbreite, ein flacher wannenförmiger Sinusboden sowie eine Implantatgeometrie mit hoher initialer Stabilität.

Zwei Konzepte: Zum einen wird mit Hilfe der „Grünholzfraktur“ die Sinusbodenkortikalis mittels Osteotomen und die darüber liegende Schneider´sche Membran angehoben.

Die Grünholzfraktur kann weiters nach der „OSFE“ Methode („Osteotome Sinus Floor Elevation“) sowie mit der „BAOSFR“ Methode („Bone Added Osteotome Sinus Floor Elevation“) durchgeführt werden.

„Konzept 2 ist radikal anders“: Hier wird direkt durch den Alveolarknochen gebohrt und dann nur die Schneider´sche Membran angehoben.

Generell bestehen bei dem transkrestalen Sinuslift die Vorteile der schnelleren, einfacheren Durchführbarkeit und der geringeren Invasivität. Ebenso führt die Verdichtung des Alveolarknochens zu einer höheren Primärstabilität des Implantats.

Früherkennung des Mundhöhlenkarzinoms – Wo beginnt der Tumor?

In Österreich werden laut Priv.-Doz. DDr. Wolfgang Paul Pöschl (Wels) jedes Jahr bis zu 36.000 Patienten an Krebs diagnostiziert. Krebs zählt somit zu den zweithäufigsten Todesursachen, 6,3% der Krebserkrankungen pro Jahr kann man dem Kopf-Hals-Bereich zuordnen, wobei 5% Männer und 1,3% Frauen betroffen sind.

„Die exogenen Faktoren überwiegen!“: Da „5/6 aus sarkombildenen mesenchymalen Gewebe“ hervorgehen, ist es beachtenswert, dass Karzinome 20 Mal häufiger als Sarkome vorkommen.

Anhand von diagnostischen Bildern zeigte DDr. Pöschl die harmlosen Effloreszensen, wie Morbus Heck, Aphten und nekrotisierende Sialmetaplasie dem Publikum. Ebenso die wichtigsten Präkanzerosen, wie Prä-, Simplex-, verruköse-, noduläre und erosive Leukoplakien, sowie die verschiedenen Lichenarten.

Zusammenfassend betont DDr. Pöschl, beginnt der Tumor zumeist an der Schleimhaut.

„Screening ist besser als Therapie“: Der Zahnarzt ist also immer gehalten, die Mund und Rachenschleimhäute zu inspizieren. Bei Unsicherheit sowie bei Persistenz einer Läsion, länger als 3 Wochen, ist stets eine Abklärung und gegebenenfalls eine Biopsie zu veranlassen.

Einzelzahn in der Front: Vorgehen in Abhängigkeit der anatomischen Situation

Zu diesem Thema referierte der erfahrene Implantologe Univ.-Prof. Dr. Georg Mailath-Pokorny im Block Implantologie I. Prof. Mailath startete mit einem aktuellen Fallbeispiel: Patient mit frakturierten Oberkieferschneidezähnen äußerte den Wunsch nach festsitzendem Zahnersatz. Geplant und gesetzt wurden zwei Sofortimplantate mit optimaler Primärstabilität von über 30 Newtonzentimeter. Mit diesem Fall schuf Prof. Mailath den Übergang zur Anatomie, die man bei (Sofort-)Implantationen im Frontzahnbereich besonders beachten muss und die Bedeutung der Planung, die durchzuführen ist, um zufriedenstellende Ergebnisse zu erreichen. Mit kurzen, auch für nicht erfahrene Zahnärzte verständlichen Worten erläuterte der Vortragende die wichtigsten anatomischen Strukturen in der Frontzahnregion von Unter- und Oberkiefer. Er wies auch auf die Bedeutung der richtigen Implantatposition sowohl aus chirurgischer als auch aus prothetischer Sicht hin.

Sofortimplantate unter Beachtung diagnostischer und therapeutischer Grundprinzipien erzielen zufriedenstellende Ergebnisse und sind somit eine schnelle, effiziente Lösung für einen dafür geeigneten Patienten.

Blutgerinnungsprobleme in der Zahnheilkunde: Kein Medikamenten Stopp bei neuen oralen Antikoagulantien (NOAK)

Bei oralchirurgischen Eingriffen gibt es für die Einnahme von Eliquis, Lixiana, Pradaxa und Xarelto keinen Medikamenten Stopp. Idealerweise erfolgt die Einnahme laut J. Tomasits nicht am Morgen des Eingrifftages, sondern erst 4-6 h nach dem Eingriff. Aber unbedingt am selben Tag.

Skorbut der schwarze Schwan

  1. Hunger und J. Tomasits berichten in ihren Fallbeispielen vom van-Willebrand-Syndrom (VWS) und der Polycythaemia vera (PCV). Am einprägsamsten war die Erwähnung des Vitamin C-Mangels als moderne Pandemie. Die massive Zunahme an Single-Haushalten, der dadurch steigende Konsum an „convenient food“ oder das Essen in Kantinen, nebst einseitigen Diäten, Rauchen und Alkohol gelten als Ursache.

Zahnärzte sollten deswegen heute wieder verstärkt an Vitamin C-Mangel denken, wenn Ihnen Patienten mit Zahnfleischbluten und Zahnfleischwucherungen, Zahnlockerungen, Parodontits, schlechter Wundheilung oder reduzierter Knochenregeneration begegnen.

Chirurgische Therapien: Parodontitis vs. Periimplantitis

DDr. Gerlinde Durstberger zeigte auf, dass bei den Therapieformen die „konservative (Vor)Therapie“ gemein ist. Diese beinhaltet die Entfernung von weichen und / oder harten Belägen von den Zahn- und Wurzeloberflächen.

 Chirurgische Therapie: Parodontitis

…ist indiziert, wenn Zähne nicht auf die konservative Therapie ansprechen und Resttaschen mit kritischen Sondierungstiefen (>= 5 mm) inkl. Blutung anzeigen.

Die resektive Chirurgie reduziert die Taschentiefe besser als jegliche andere Therapie und verbessert besonders bei vertikalen Defekten oder Furkationen das mikrobiologische Taschenmilieu, das weiters langfristig stabil bleibt. Die periodontale Regeneration an vormals erkrankten Wurzeloberflächen ist möglich.

 Chirurgische Therapie: Periimplantitis

…meist ist nach der konservativen Vorbehandlung ein chirurgisches Vorgehen notwendig.

Die resektive Chirurgie mit oder ohne Implantoplastik kann eine effektive Therapie darstellen. Defektauffüllungen mit Knochen oder Knochenersatzmaterial sind möglich. Die Resultate können über längere Zeit stabil sein.

Die Autoren studieren Zahnmedizin an der DPU Krems und absolvieren dort parallel den Bachelor Medizinjournalismus und Öffentlichkeitsarbeit.

Die Autoren in alphabetischer Reihenfolge: Jan Conzelmann, Maurice Rafael Fink, Leon Golestani, Dominik Kimmich, Victoria Matheis, Emanuel Michler, OliverRameis und Marina Wiesinger.

Fotos: Robert Simon, Oliver Rohkamm, Mario Schalk, Dr. Christian Taglieber

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