In unseren Praxen gehört die Implantologie längst zum Alltag. Fehlende Zähne werden routinemäßig ersetzt, und viele Patienten glauben irrtümlicherweise: Ein Implantat aus Metall kann keine Karies bekommen, also muss ich es auch nicht besonders pflegen. Dass diese Annahme ein fataler Irrtum ist, wissen wir. Doch ein entscheidender Risikofaktor für den Implantatverlust wird im Behandlungsalltag oft übersehen: Diabetes mellitus Typ 2.
Die stille Pandemie: Zahlen, die aufrütteln
Wir stehen vor einer Diabetes-Pandemie. Allein in Österreich gibt es schätzungsweise 800.000 an Diabetes erkrankte Menschen, hinzukommen rund 350.000 Menschen mit Prä-Diabetes – einer noch unentdeckten Vorstufe. Prognosen gehen davon aus, dass in 20 Jahren bis zu eine Million Österreicher betroffen sein werden. In der zahnärztlichen Praxis bedeutet das konkret: In der Altersgruppe der mittelalten und älteren Patienten weisen etwa 20 bis 25 Prozent einen Diabetes oder Prä-Diabetes auf.
Die meisten von ihnen leiden an Diabetes Typ 2, einer lebensstilbedingten Erkrankung, die stark durch ungesunde Ernährung, Bewegungsmangel, Stress und Schlafmangel getrieben wird.
Das Tückische daran: Ein hoher Blutzucker oder hoher Blutdruck tun anfangs nicht weh. Dennoch hat schlecht eingestellter Diabetes verheerende Folgen für den ganzen Körper und führt im Mundraum zu vermindertem Speichelfluss, Pilzinfektionen, schlechter Wundheilung und einem stark erhöhten Risiko für Parodontitis.
Double Trouble: Das Risiko für Periimplantitis verdoppelt sich
Was bedeutet das nun für die Implantologie? Die Zahlen aus großen Studien sprechen eine klare Sprache: Das Risiko, an einer Periimplantitis zu erkranken, ist bei einer schlechten Blutzuckereinstellung fast doppelt so hoch wie bei gesunden Patienten.
Besonders alarmierend für uns als Praxispersonal: Selbst bei einem reinen Prä-Diabetes, von dem der Patient oft noch gar nichts weiß, besteht bereits ein deutlich erhöhtes Risiko für Knochenverlust rund um das Implantat (bis zu 2,2 mm Knochenabbau).
Ihre Rolle als „Gesundheits-Detektiv:in“
Als Zahnarzt- oder Prophylaxeassistent:in sind Sie oft die erste Anlaufstelle für die Patienten und spielen eine entscheidende Rolle bei der Risikominimierung. Was können Sie konkret tun?
- Anamnesebögen kritisch hinterfragen: Ein Patient kreuzt an, er sei völlig gesund, nimmt aber Tabletten gegen Bluthochdruck und Cholesterin? Das ist ein klassisches Warnsignal für einen unentdeckten Prä-Diabetes.
- Laborwerte erfragen: Fragen Sie Patienten gezielt nach ihrem Nüchtern-Blutzucker (sollte unter 120 mg/dl liegen) und dem HbA1c-Wert (Langzeitzucker). Ein idealer HbA1c-Wert liegt unter 5,5; Werte ab 6,5 deuten auf einen schlecht eingestellten Diabetes hin.
- Die Ernährungsgewohnheiten beleuchten: Geben Sie sich nicht mit der Antwort „Ich esse ganz normal“ zufrieden. „Normal“ bedeutet für viele Menschen tägliches Gebäck, Schnitzel oder hochverarbeitete Kost. Fragen Sie gezielt nach Ballaststoffen und frischem Gemüse.
- Kommunikation mit dem Zahnarzt, der Zahnärztin: Wenn Sie bei der Vorab-Reinigung merken, dass ein Patient motorisch sehr ungeschickt ist, müssen Sie dies dem Behandler unbedingt mitteilen. Eine komplexe, festsitzende Implantatkonstruktion wird bei diesem Patienten scheitern, da er sie nicht reinigen kann.
- Parodontitis zuerst behandeln: Bevor implantiert wird, muss jede Parodontitis therapiert sein. Andernfalls übersiedeln die krankmachenden Bakterien innerhalb von nur einer Woche auf das frische Implantat.
Ausreden, Mythen und die harte Realität der Nachsorge
Viele Patienten gehen mit falschen Vorstellungen an das Thema heran. Sie denken: „Das Implantat ist aus Metall, das kann keine Karies bekommen, also muss ich nicht putzen“. Oder sie glauben, dass die teure Behandlung automatisch eine lebenslange Garantie bedeutet. Hier ist Ihre Aufklärungsarbeit gefragt! Wer vorher schon nicht gerne geputzt hat, wird bei einem Implantat nicht plötzlich damit anfangen – es sei denn, Sie motivieren ihn eindringlich.
Die 24-Stunden-Regel: Nach der Implantation ist die Nachsorge das Um und Auf. Ein Implantat muss vom Patienten einmal in 24 Stunden gründlich gereinigt werden können. Es reicht nicht, wenn Sie das ein paarmal im Jahr in der Praxis übernehmen, da sich der bakterielle Biofilm sofort wieder neu organisiert.
Manche Zahntechniker konstruieren den Zahnersatz so, dass er fest auf dem Zahnfleisch aufliegt, in dem Glauben, Bakterien könnten so nicht darunter wandern. Das ist ein Irrtum: Bakterien finden immer einen Weg. Wenn der Patient die Stelle nicht putzen kann, bleiben die Keime dort und zerstören das Gewebe.
Diagnostik und Instruktion
Verlassen Sie sich bei der Kontrolle nicht nur auf Ihr Auge. Sondieren Sie vorsichtig, achten Sie auf Blutungen und veranlassen Sie bei Verdacht ein Röntgenbild, um das Knochenniveau zu beurteilen. Identifizieren Sie gemeinsam mit dem Patienten die schwer zugänglichen Risikostellen und probieren Sie aus, mit welchem speziellen Tool (Interdentalbürsten, Superfloss) er diese Nischen am besten erreicht.
Fazit: Implantate verzeihen keine Nachlässigkeit. Sie sind ein guter Ersatz für fehlende Zähne, aber sie sind kein Ersatz für die tägliche, disziplinierte Pflege. Gerade bei Patienten mit Diabetes oder Prä-Diabetes ist ein engmaschiges Nachsorgeprogramm (Therapieadhärenz) überlebenswichtig für das Implantat. Ihre vorausschauende Arbeit, Ihre präzisen Instruktionen und Ihre Hartnäckigkeit in der Prophylaxe entscheiden maßgeblich darüber, ob das Implantat ein Erfolg wird oder nicht.




