dental JOURNAL: Herr Puskás, Sie sind seit 2021 CEO der Zahnärztekasse. Ihr beruflicher Weg führte Sie ursprünglich aus einem anderen Bereich zur Zahnmedizin. Was hat Sie an der Aufgabe gereizt?
András Puskás: Ich kannte die Zahnärztekasse bereits rund 20 Jahre. Ich war lange in der Geschäftsleitung eines Finanzunternehmens tätig, das unter anderem auch Abrechnungsdienstleistungen für Humanmediziner angeboten hat. Dadurch kannte ich diesen Markt und natürlich auch die Zahnärztekasse. Als ich erfahren habe, dass die Position frei wird, wollte ich diese Aufgabe unbedingt übernehmen. Ich habe mich sofort beworben – und bin nach wie vor sehr glücklich mit dieser Entscheidung.
Die Zahnärztekasse wurde ursprünglich von Zahnärzten gegründet. Was war damals die Idee?
Das Unternehmen wurde vor mehr als 60 Jahren von Zahnärzten gegründet, die sich von der administrativen Belastung rund um die Abrechnung befreien wollten. Damals wurden noch Behandlungskarten übermittelt und verarbeitet. Technisch hat sich seither natürlich praktisch alles verändert. Der Grundgedanke ist aber derselbe geblieben: Die Praxis soll einen Partner an ihrer Seite haben, der sich professionell um die Abrechnung und all ihre Besonderheiten kümmert.
Heute sprechen Sie von einem umfassenden Honorarmanagement. Was beinhaltet das konkret?
Es beginnt bereits bei der Bonitätsprüfung, die in die Praxisinformationssysteme integriert werden kann. Danach übernehmen wir die Rechnungsdaten direkt aus dem Praxissystem, versenden die Rechnungen und kümmern uns darum, dass sie bezahlt werden. Dazu gehören das Mahnwesen und, falls erforderlich, auch das Inkasso.
Uns ist dabei ein patientenorientierter Umgang wichtig. Natürlich muss eine Rechnung letztlich bezahlt werden, aber es macht einen Unterschied, wie man dabei mit den Menschen kommuniziert. Ein weiterer wichtiger Bereich ist die Vorfinanzierung. Die Praxis kann ihr Geld erhalten, bevor der Patient seine Rechnung bezahlt hat. Auf Wunsch lässt sich auch das Ausfallrisiko absichern. Und wir können Patienten bei Bedarf Finanzierungsmöglichkeiten für eine Behandlung anbieten.
Die meisten Praxen rechnen dennoch selbst ab. Moderne Praxissoftware macht das schliesslich immer einfacher. Warum sollte ein Zahnarzt diese Aufgabe trotzdem auslagern?
Weil man nicht nur die Zeit betrachten sollte, die für das Erstellen einer Rechnung benötigt wird. Der eigentliche Aufwand entsteht häufig danach: Eine Rechnung wird nicht bezahlt, man muss erinnern, nochmals nachfassen und vielleicht ein Inkassoverfahren einleiten. Dafür braucht es Zeit, Kompetenz und Konsequenz.
Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wofür will ich meine Arbeitszeit einsetzen? In der Zeit, in der sich eine Zahnärztin oder ein Zahnarzt mit offenen Rechnungen beschäftigt, könnte man beispielsweise zusätzliche Behandlungen durchführen. Oder man investiert die Zeit in Praxisorganisation, Marketing oder Patientenbetreuung. Und natürlich kann man sie auch schlicht als Freizeit nutzen.
Man muss nicht besonders viel zusätzlich behandeln, bis die Kosten einer professionellen Abrechnung wieder eingespielt sind. Der Break-even ist relativ schnell erreicht.
Es geht also nicht nur darum, Verwaltung auszulagern, sondern um eine wirtschaftliche Betrachtung der Arbeitszeit?
Genau. Besonders bei der Administration wird häufig nicht berechnet, was die eigene Zeit tatsächlich kostet. Wenn ein Zahnarzt eine Stunde lang offenen Rechnungen nachgeht, ist diese Stunde eben nicht kostenlos. Man muss sie dem gegenüberstellen, was er in derselben Zeit in der Praxis leisten könnte. Dazu kommt die mentale Entlastung. Offene Fälle müssen ständig im Kopf behalten werden: Wen muss ich nochmals kontaktieren? Welche Rechnung ist noch nicht bezahlt? Wo muss ich nachfassen? Auch davon kann man sich befreien.
Sie verfügen durch die grosse Zahl der von Ihnen abgerechneten Honorarnoten über einen guten Einblick in die wirtschaftliche Entwicklung der Schweizer Zahnarztpraxen. Was hat sich verändert?
Sowohl die Anzahl der Rechnungen als auch das insgesamt abgerechnete Volumen pro Praxis haben sich in den vergangenen zehn Jahren deutlich erhöht. Die Praxen sind grösser geworden und beschäftigen häufiger mehrere Behandler. Das dürfte unter anderem den Trend zu Gemeinschafts- und Gruppenpraxen widerspiegeln.
Interessanterweise ist gleichzeitig die durchschnittliche Rechnungshöhe gesunken. Ein Grund könnte sein, dass heute mehr kleinere Leistungen, beispielsweise aus der Dentalhygiene und Prophylaxe, separat abgerechnet werden. Das bedeutet letztlich: Für denselben Umsatz müssen mehr Rechnungen verarbeitet werden. Der administrative Aufwand pro Umsatzfranken ist also gestiegen.
Wie sieht es mit der Zahlungsmoral der Patienten aus? Hat sie sich in wirtschaftlich schwierigeren Zeiten verschlechtert?
Das können wir aus unseren Daten nicht bestätigen. Die meisten Zahnarztpraxen haben nach wie vor sehr geringe Ausfallraten, und diese sind seit vielen Jahren relativ konstant. Selbst während der Pandemie haben wir nur einen sehr kleinen Anstieg gesehen, der sich inzwischen wieder normalisiert hat. Natürlich gibt es regionale Unterschiede und einzelne Praxen mit höheren Ausfallraten. Gerade dort kann eine Bonitätsprüfung sinnvoll sein.
Eine Bonitätsprüfung berührt aber auch eine sensible Frage. Eine schlechte Bonität bedeutet schliesslich nicht zwangsläufig, dass eine Rechnung nicht bezahlt wird. Besteht hier nicht die Gefahr einer Art Zwei-Klassen-Zahnmedizin?
Für mich lautet die ethische Frage anders: Wie kann ich diesen Patienten behandeln, ohne dass die Praxis am Ende auf den Kosten sitzen bleibt?
Ich glaube, die meisten Zahnärzte möchten selbstverständlich alle Patienten behandeln. Wenn eine Bonitätsprüfung vorab aber zeigt, dass es wahrscheinlich Schwierigkeiten bei der Bezahlung geben könnte, sollte man das Gespräch suchen.
Vielleicht gibt es auch die Möglichkeit, dass ein Sozialwerk oder eine andere Institution die Kosten übernimmt. Vielleicht muss man gemeinsam überlegen, ob eine Behandlung auch in einer etwas günstigeren Variante medizinisch sinnvoll durchgeführt werden kann. Eine schlechte Bonität entsteht ja meist nicht zufällig, sondern weil es in der Vergangenheit bereits Zahlungsschwierigkeiten gegeben hat. Einem Menschen, der ohnehin finanziell überfordert ist, hilft es letztlich auch nicht, zusätzliche Schulden anzuhäufen.
Ein weiteres Thema, das viele Praxisinhaber vermutlich unterschätzen, ist die Liquidität. Kann eine wirtschaftlich erfolgreiche Praxis tatsächlich in Zahlungsschwierigkeiten geraten?
Absolut. Eine Praxis kann sehr profitabel sein und trotzdem einen Liquiditätsengpass haben. Der Grund ist, dass das Geschäft ausgesprochen saisonal ist. Im August wird deutlich weniger behandelt als beispielsweise im Dezember. In unseren Zahlen sehen wir im Durchschnitt sogar, dass im Dezember ungefähr doppelt so viel abgerechnet wird wie im August.
Die Kosten der Praxis – Löhne, Miete oder Leasingraten – bleiben aber weitgehend konstant. Dadurch kann insbesondere im September deutlich weniger Geld auf dem Konto sein, obwohl die Praxis über das gesamte Jahr betrachtet sehr profitabel arbeitet.
Wie kann die Zahnärztekasse dabei helfen?
Einerseits natürlich durch die Vorfinanzierung. Darüber hinaus können unsere Kunden den Auszahlungszeitpunkt steuern. Wenn eine Praxis beispielsweise im Januar oder Februar über ausreichend Liquidität verfügt, kann sie eine Auszahlung später wählen. In Monaten mit geringerer Liquidität kann sie sich das Geld dagegen schneller auszahlen lassen. Dadurch wird die Abrechnung gleichzeitig zu einem Instrument des Liquiditätsmanagements.
Betrifft dieses Problem hauptsächlich grosse oder besonders investitionsintensive Praxen?
Nein. Grundsätzlich betrifft die saisonale Schwankung alle Praxen.
Die Zahnärztekasse bietet ihren Kunden auch Benchmarking. Was kann sich eine Praxis darunter vorstellen?
Wir vergleichen kommerzielle Kennzahlen einer Praxis mit den Durchschnittswerten aller Kunden und gleichzeitig mit den eigenen Zahlen aus dem Vorjahr. Dazu gehören beispielsweise das abgerechnete Honorarvolumen, die Anzahl der Rechnungen, der Anteil gemahnter Rechnungen, Inkassofälle oder die Anzahl der durchgeführten Bonitätsprüfungen.
Das kann interessante Entwicklungen sichtbar machen. Ist beispielsweise die durchschnittliche Rechnungshöhe gestiegen oder gesunken? Werden Bonitätsprüfungen konsequent durchgeführt? Hat sich der Mahnanteil verändert? Aus diesen Daten lassen sich häufig Zusammenhänge erkennen und konkrete Fragen für die wirtschaftliche Führung einer Praxis ableiten. Unsere Kunden schätzen diese Gespräche sehr.
Können Sie aus Ihren Daten auch erkennen, ob zahnmedizinische Leistungen in den vergangenen Jahren teurer geworden sind?
Wir sehen in den vergangenen drei bis vier Jahren tatsächlich einen Anstieg des durchschnittlichen Taxpunktwertes. Ich denke, darin spiegelt sich unter anderem der Inflationsschub seit 2022 wider.
Auch in der Schweiz sind Verbrauchsmaterialien und andere Kosten gestiegen. Ein Teil dieser Kostensteigerungen wurde offensichtlich über höhere Taxpunktwerte an die Patienten weitergegeben.
Wie tief ist die Zahnärztekasse heute technisch in die Praxissoftware integriert?
Sehr tief. Die meisten Praxen arbeiten heute mit modernen Praxisinformationssystemen, und in viele dieser Systeme sind unsere Dienstleistungen direkt integriert.
Eine Bonitätsprüfung kann beispielsweise je nach Software automatisch erfolgen oder per Knopfdruck ausgelöst werden. Auch die Rechnungsübermittlung läuft automatisiert.
Gleichzeitig spielen wir die Informationen wieder zurück. Die Praxis sieht also in ihrem eigenen System, ob eine Rechnung bezahlt wurde, gemahnt werden musste oder sich im Inkasso befindet. Auch Stornos oder Direkteingänge werden über die Schnittstellen verarbeitet. Das ist keine Einbahnstrasse. Die Praxis behält jederzeit die volle Transparenz.
Wie schnell erhält eine Praxis das Ergebnis einer Bonitätsprüfung?
Das hängt von der jeweiligen Integration ab. In vielen Fällen erfolgt die Prüfung praktisch sofort und liefert ein klares Ergebnis. Bei höheren Rechnungsbeträgen nehmen wir zum Teil zusätzliche manuelle Prüfungen vor. Dann gibt es zunächst einen Zwischenstatus, der spätestens innerhalb eines Tages abschliessend beurteilt wird.
Bei aller Automatisierung setzen Sie in der Kundenbetreuung auf persönliche Erreichbarkeit.
Unser Callcenter in Pfäffikon und Lausanne wird bewusst von Menschen betreut. Wer anruft, erreicht direkt eine Person und muss sich nicht zuerst durch ein langes Telefonmenü arbeiten. Das soll auch so bleiben.
Gleichzeitig sehen wir aber, dass insbesondere jüngere Patienten ihre Anliegen zunehmend ausserhalb der normalen Geschäftszeiten erledigen möchten und häufig lieber digital kommunizieren als telefonieren. Hier kann KI künftig eine sinnvolle Ergänzung sein.
Im Vorgespräch haben Sie noch einen interessanten Gedanken zur Selbstständigkeit von Zahnärzten angesprochen. Viele junge Zahnmediziner verbinden eine Anstellung mit besserer Work-Life-Balance. Sie sehen das differenzierter.
Ich glaube tatsächlich, dass die Freiheit, die eine eigene Praxis bietet, teilweise unterschätzt wird.
Natürlich trägt man als Praxisinhaber Verantwortung für Mitarbeiter, Mieten, Investitionen und Leasingraten. Auf der anderen Seite kann Selbstständigkeit aber auch bedeuten, seine Zeit viel freier gestalten zu können. Man kann beispielsweise entscheiden, an einem bestimmten Nachmittag die Praxis zu schliessen und Zeit mit der Familie zu verbringen.
Das wirtschaftliche Wissen, das dafür notwendig ist, sollte ebenfalls niemanden abschrecken. Zahnärzte müssen nicht alles selbst machen. Es gibt Treuhänder, Buchhalter, Marketingpartner – und eben beispielsweise die Zahnärztekasse für das Honorarmanagement. Man arbeitet als Selbstständiger nicht allein, sondern innerhalb eines ganzen Ökosystems von spezialisierten Partnern.
Ist genau das letztlich auch die Rolle, in der Sie die Zahnärztekasse künftig sehen?
Ja. Unser ursprünglicher Auftrag war es, Zahnärzte von administrativer Arbeit bei der Abrechnung zu entlasten. Dieser Auftrag besteht weiterhin. Aber die Möglichkeiten sind heute deutlich grösser. Es geht nicht mehr ausschliesslich darum, eine Rechnung zu verschicken. Es geht darum, Prozesse zu vereinfachen, Zahlungsausfälle zu reduzieren, Liquidität besser zu steuern, wirtschaftliche Daten transparent zu machen und der Praxis damit Zeit zu geben für das, was eigentlich ihre Aufgabe ist: Patienten zu behandeln. Wenn uns das gelingt, schaffen wir einen sehr konkreten Mehrwert für die Praxis.





