Anlässlich einer ausführlichen Unterhaltung des Dental Journal Schweiz mit Dr. Thomas Müller ging es in der letzten Ausgabe um die Zukunft der Zahnarztpraxis als Unternehmensmodell, in der vorliegenden Ausgabe steht die Digitalisierung sowie die neuen Praxismodelle im Mittelpunkt.

Welche Chancen bietet die Digitalisierung in den Zahnarztpraxen?

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Vorteile können sich nur ergeben, wenn die Chancen kombiniert mit Stärken genutzt, Risiken minimiert und Schwächen eliminiert werden. Das gilt generell! Auch für die Digitalisierung. Werden Schwächen heruntergespielt, Risiken missachtet und die Chancen nicht wahrgenommen, ist jedes Projektvorhaben zum Scheitern verurteilt. Oder aber positiv ausgedrückt: Wer Chancen nutzt, kann Vorteile erlangen.

Weiss heisst dies konkret?

Die Digitalisierung eröffnet in den Zahnarztpraxen mannigfaltig Chancen. Dazu gehören…

  • Besser und breiter in der Bevölkerung wahrgenommen werden, z.B. durch Social-Media-Marketing, Praxis-Website, Online-Shop für Mundhygieneartikel
  • Erweiterung der Kontaktmöglichkeiten z.B. durch E-Mail, Onlineterminplaner, Web-Bot, SMS-Reminder, Video-Chat, usw.
  • Effizienterer Aufnahmeprozess (z.B. digitale Anamnese)
  • Unterstützung in der Befundaufnahme (z.B. digitales Röntgen, DVT, Gesichts-Scan, sprachnavigierte PAR-Statusaufnahme…)
  • Individuellere Beratung (z.B. virtuelles Mock-Up (Kapanu), Aufklärungen anhand von vorbestehenden Info-Formularen und professionellen Grafiken kombiniert mit patientenbezogenen Röntgen und Fotos (Infoskop)
  • Angenehmere Behandlungsschritte, z.B. digitale Abformung anstatt brechreizauslösende Abformmassen
  • Einfachere Hygieneschritte und Logistik von Abformungen (Digitale Abformung), inkl. Einsparung von Materialressourcen
  • Kürzere Durchlaufzeiten labortechnischer Arbeiten dank sofortiger Übermittlung von Daten und unmittelbarer Bearbeitung durchs Labor (z.B. CAD/CAM)
  • Zunehmende Präzisionsvorteile von digitalen gegenüber analogen Workflows
  • Potenzial zur Kostenreduktion aufgrund höherer Effizienz (Automatisierung)
Seit über zwanzig Jahren betreibt Dr. med. dent. Thomas Müller in Schaffhausen eine Zahnarztpraxis, zudem bietet er Seminare zur Digitalisierung in der Zahnmedizin an und ist als Lehrbeauftragter am Careum Bildungszentrum in Zürich tätig.

Hoppla, das sind doch einige Punkte…

Ja, aber die Digitalisierung in der Zahnarztpraxis bietet auch weitere Vorteile. Aspekte wie…

  • Effizientere und lückenlose Dokumentation der Therapie dank prozessorientierter digitaler Krankenakte (z.B. Doconform)
  • Effizientere Dokumentation und Gestaltung von Geschäftsprozessen (Kollaborative QM-Systeme auf Social-Media-Basis wie z.B. Q.wiki (Modell Aachen GmbH))
  • Digitale Ausgestaltung und übersichtlichere Handhabung von administrativen Geschäftsprozessen (z.B. Talentmanagement, Lesebestätigungen, Ferienanträge, Schulungsdokumentation, Arbeitszeiterfassung… z.B. in Q.wiki ö.ä.)
  • Feindetaillierte Abrechnungen und elektronischer Zahlungsverkehr
  • Automatisiertes Recall-Wesen
  • Kontrollierter und gesetzeskonformer Datenaustausch
  • Automatisierter Backup-Prozess
  • Analyse praxisinterner Daten zur Verbesserung der Therapieansätze und aller Abläufe (z.B. Visual analytics, (Big-) Data-Analysen)
  • Bildung von Wissens-Netzwerken und -Austausch (Social-Media-Plattformen)
  • Potenzial für Kostenreduktion in der rekonstruktiven Zahnmedizin
  • Potenzial für neue Geschäftsfelder

Viele Vorteile, doch welche Gefahren sehen Sie in dieser Digitalisierung?

Gefahren drohen aus nicht erkannten Risiken und nicht eliminierten oder nicht kompensierten Schwächen. Das gilt auch generell. Die Hauptgefahr der Digitalisierung sehe ich im Menschen selbst. Die Digitalisierung irgendwelcher Geschäftsabläufe ist grundsätzlich ein rein technischer Vorgang. Dieser kann zwar durchaus seine Tücken aufweisen, ist aber weitgehend handhabbar. Was aber die Digitalisierung mit mir, meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie mit meinen Kunden macht, ist eine ganz andere und viel spannendere Frage. Ein Transformationsprozess und somit auch die digitale Transformation kann durch Menschen mitgetragen oder aber auch abgelehnt oder verweigert werden. Diesem Umstand ist insbesondere bei jeder neuen Technologie-Implementierung Rechnung zu tragen. Wir müssen bereit sein zu digitalisieren! Das ganze Team muss bereit sein!

Der Mensch ist also gefordert. Doch hängt alles nur von uns ab?

Selbstverständlich verbergen sich aber auch noch weitere, hinlänglich bekannte Gefahren in der Digitalisierung. Denken wir an Datenschutz beziehungsweise an den Datenmissbrauch, an die Schaffung neuer Abhängigkeiten, an neue, wiederkehrende Kosten oder initiale Investitionen.  Es lohnt sich in jedem Fall projektspezifisch Risiken und Schwächen sowie die daraus entstehenden Gefahren in Bezug auf Ressourcen wie etwa Mitarbeiter, Infrastruktur, finanzielle Reserven oder Zeit, Prozesse respektive Geschäftsabläufe kritisch zu hinterfragen. «Was bringts?» lautet die Frage auch aus der Kundenoptik oder im finanziellen Sinne. Erst wenn alles geklärt ist und wenn auch das Team im Boot ist, soll über die Umsetzung entschieden werden.

Abgesehen vom Digitalen, welches sind Ihrer Meinung die grossen Herausforderungen in den kommenden fünf Jahren?

In den kommenden Jahren erwarte ich eine weitere Konsolidierung im hochfragmentierten Zahnarztmarkt. Viele kleinere und mittlere Praxen werden ihren Platz neu definieren müssen, denn es drängen grossen Player wie etwa die Praxisketten auf den Markt, welche in der Regel digital stark aufgestellt sind und horizontal wie auch vertikale Prozessketten optimal miteinander verzahnen. Ich denke dabei an Praxisprozesse oder die Finanzierung von Geräten und Instrumenten sowie Verbrauchsmaterial oder Dentallabors. Wenn es den kleineren Praxen gelingt, einen Nischenplatz zu erringen und/oder sich in Kooperationen mit andern zusammenschliessen, dann werden sie diese Herausforderung auch meistern können.

Und weiter in die Zukunft blickend? In zehn Jahren zum Beispiel?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Zahnmedizin in 10 Jahren ganz anders aussieht. Vor meinem geistigen Auge zeichnet sich ein Szenario ab, wo wir mit geeigneten intraoralen oder interstitiellen Sensoren Daten zur Gesundheit des Trägers erzeugen, welche permanent mit einem mit dem Internet verbundenen Medium kommunizieren. Dieses leitet die Daten in die Cloud zu Supercomputern, ja sogar Quantencomputern, wo intelligente Algorithmen dem zuliefernden Medium Rückmeldungen und Anweisungen geben können. Zum Beispiel Anweisungen, die etwa den Konsum von gewissen Nahrungsmitteln oder spezifische oralprophylaktische Massnahmen betreffen. Karies oder Parodontitis könnten so gegebenenfalls eliminiert werden.

Mehr also als «nur» einfach Zahnarzt?

In der Ausgestaltung eines solchen Angebotes müssten sich die Zahnärzte den Status eines Oralmediziners erwerben und beratend, coachend den Klienten zur Seite stehen. Nur noch eine geringe Anzahl an hochspezialisierten Zahnärzten würden sich noch um Unfälle und andere unvermeidbare Schäden wie etwa Tumoren kümmern. Doch vermutlich sind das aber nur wilde Fantasien…

Zum Schluss: Ist die Zahnmedizin – heute und wie auch morgen – ein Job oder ein Beruf?

Einen Job mache ich, um zwischendurch mal ein wenig Geld zu verdienen. Einen Beruf übe ich aus, weil ich mich bei der Berufsausbildung dafür entschieden habe und er ein längerfristiger Plan darstellt, wie ich meinen Lebensunterhalt verdienen möchte. Eine Berufung habe ich dann, wenn ich meinen Beruf gerne mache, mich mit ihm tief identifiziere, die Tätigkeiten als Sinnaufgabe verstehe. Es braucht viel zu viel Aufwand, als dass Zahnmedizin nur als Job verstanden werden sollte. Befriedigender ist es, wenn er zur Berufung gedeihen kann. Besteht kein Potenzial dafür, würde ich es dringendst sein lassen. Wie sagte doch Aristoteles? «Freude an der Arbeit lässt das Werk trefflich geraten.»

https://www.mueller-weidmann.ch/

 

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