In Österreich konsumieren rund 24 % der Bevölkerung täglich Nikotin. Gleichzeitig verändern sich die Konsumgewohnheiten. Etwa 8 % der 15-Jährigen konsumieren E-Zigaretten, rund 6 % Nikotinbeutel. Insgesamt konsumieren etwa 18 % der 14- bis 17-Jährigen täglich ein Tabakprodukt.
Für die Zahnarztpraxis bedeutet das: Ein Kreuz bei „Raucher“ im Anamnesebogen reicht nicht aus. Viele Patientinnen und Patienten verstehen unter „Rauchen“ ausschließlich die klassische Zigarette. Deshalb sollte gezielt nach Zigaretten, E-Zigaretten, Tabakerhitzern, Nikotinbeuteln, Wasserpfeifen und auch Cannabis gefragt werden.
Interessant sind nicht nur die Art des Produkts und die Konsummenge, sondern auch Veränderungen des Konsums und die Bereitschaft zu einem Rauchstopp. Gerade bei Recall-Terminen bietet sich die Gelegenheit, das Thema erneut aufzugreifen.
Was Nikotin im Mund bewirkt
Der zentrale Problemstoff ist Nikotin, da es stark vasokonstriktorisch wirkt. Dadurch verschlechtert sich die Versorgung des Gewebes mit Sauerstoff und Nährstoffen. Die Wundheilung wird verzögert, gleichzeitig wird die Immunabwehr beeinträchtigt.
Auch das orale Mikrobiom verändert sich: krankheitsassoziierte, insbesondere anaerobe Keime können zunehmen. Damit treffen mehrere ungünstige Faktoren zusammen: schlechtere Durchblutung, reduzierte Abwehr und ein verändertes mikrobielles Gleichgewicht. Die Folgen sind vielfältig: Neben Karies, Parodontitis, Zahnverlust, Mundgeruch, Verfärbungen sowie Einschränkungen von Geschmack und Geruch kann es zu Veränderungen der Mundschleimhaut kommen. Besonders gravierend ist jedoch das erhöhte Risiko für Krebsvorstufen und Krebs.
Warum „keine Blutung“ trügerisch sein kann
Besonders wichtig für die tägliche Praxis ist ein scheinbarer Widerspruch: Raucherinnen und Raucher bluten beim Sondieren häufig weniger – obwohl eine Entzündung vorhanden sein kann.
Die durch Nikotin verursachte Gefäßverengung kann die Blutungsreaktion abschwächen. Eine fehlende Blutung darf deshalb nicht automatisch, als Zeichen eines gesunden Gewebes interpretiert werden. An der Oberfläche scheint der Befund unauffällig, während sich darunter bereits entzündliche Veränderungen oder Knochenabbau entwickeln können. Gerade bei Implantaten ist diese Tatsache entscheidend.
Implantate unter Dauerbelastung
Ein Implantat unterscheidet sich biologisch deutlich von einem natürlichen Zahn: Es besitzt kein Parodontalligament und ist direkt mit dem Kieferknochen verbunden. Das Gewebe rund um ein Implantat ist weniger gut durchblutet und verfügt über eine geringere lokale Abwehr. Kommt Nikotinkonsum hinzu, verschlechtert sich diese Ausgangslage zusätzlich. Die Gefäßverengung, die beeinträchtigte Immunabwehr und das veränderte Mikrobiom schaffen ungünstige Voraussetzungen für die periimplantären Gewebe.
Das Risiko für entzündliche Komplikationen steigt deutlich. Die vorliegenden Daten zeigen:
Das Periimplantitis-Risiko verdoppelt sich
Das Risiko für einen Implantatverlust steigt auf das 2,23-Fache
Die 10-Jahres-Überlebensrate beträgt 94,2 % bei Nichtrauchern gegenüber 85,5 % bei Rauchern
Darüber hinaus besteht eine Dosis-Wirkungs-Beziehung: Je stärker der Nikotinkonsum, desto höher das Risiko.
Für Patienten ist diese Information wichtig – besonders vor einer geplanten Implantation. Ein vollständiger Rauchstopp ist die beste Empfehlung. Gleichzeitig sollte auch eine Reduktion des Konsums als positiver Schritt anerkannt und unterstützt werden.
Periimplantitis früh erkennen
Bei Implantatpatientinnen und -patienten sollte bereits eine periimplantäre Mukositis ernst genommen werden. Wird eine Entzündung nicht erkannt und behandelt, kann sich daraus eine Periimplantitis mit fortschreitendem Knochenabbau entwickeln. Bei Raucherinnen und Rauchern ist die Früherkennung besonders anspruchsvoll, weil die klinischen Entzündungszeichen abgeschwächt sein können. Deshalb gilt für die Praxis:
Keine Blutung bedeutet nicht automatisch keine Entzündung. Regelmäßiges Sondieren, die Kontrolle der periimplantären Gewebe und die Beobachtung von Veränderungen sind daher besonders wichtig.
Mundschleimhaut nicht vergessen
Raucherinnen und Raucher sollten auch regelmäßig auf Veränderungen der Mundschleimhaut kontrolliert werden. Dazu gehören beispielsweise Rauchermelanose, Rauchergaumen und Leukoplakien. Der Rauchergaumen zeigt sich als weißliche Veränderung mit geröteten Punkten an den Ausgängen der Speicheldrüsen und kann sich nach einem Rauchstopp teilweise zurückbilden. Auch Nikotinbeutel verdienen besondere Aufmerksamkeit. Durch den direkten Kontakt mit der Schleimhaut können lokale Veränderungen entstehen. Gerade weil solche Läsionen häufig schmerzlos sind, werden sie von Patientinnen und Patienten selbst oft nicht wahrgenommen.
Ein einfacher Schritt kann hier viel bewirken: Veränderungen gemeinsam mit den Patienten im Spiegel ansehen und erklären. So wird aus einem abstrakten Gesundheitsrisiko ein sichtbarer Befund.
Neue Produkte – neue Fragen
E-Zigaretten, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel werden häufig als weniger schädliche Alternativen wahrgenommen. Für die Anamnese bedeutet das jedoch nicht, dass sie unberücksichtigt bleiben können. E-Zigaretten können hohe Mengen Nikotin liefern. Auch Tabakerhitzer enthalten Nikotin. Nikotinbeutel kommen zwar ohne Tabakverbrennung aus, können aber hohe Nikotinkonzentrationen aufweisen und lokale Schleimhautveränderungen begünstigen. Und auch die Wasserpfeife ist keineswegs harmlos. Eine etwa einstündige Shisha-Sitzung entspricht hinsichtlich der Kohlenmonoxidbelastung etwa 100 Zigaretten.
Drei Monate statt „bis zum nächsten Mal“
Bei rauchenden Implantatpatientinnen und -patienten ist eine konsequente Nachsorge besonders wichtig. Im Rahmen der vorliegenden Empfehlung wird ein 3-Monats-Recall genannt. Bei diesen Terminen können Befunde wiederholt kontrolliert, Veränderungen früh erkannt und der Nikotinstatus erneut angesprochen werden.
Dabei sollte das Thema Rauchen nicht als einmalige Belehrung verstanden werden. Jeder Recall-Termin ist eine neue Gelegenheit für eine kurze Intervention. Zahnarztassistentinnen haben durch ihre regelmäßigen Kontakte eine besondere Chance, Prävention in den Praxisalltag zu integrieren. Dafür braucht es keine lange Beratung.
Ein einfaches Schema reicht:
Fragen – informieren – motivieren – Hilfe anbieten.
Statt Vorwürfen sind offene Fragen sinnvoll: „Welche Nikotinprodukte verwenden Sie derzeit?“ oder „Wäre ein Rauchstopp für Sie grundsätzlich ein Thema?“
Wer Unterstützung möchte, kann an das österreichische Rauchfrei Telefon weitervermittelt werden. Mit dem so
genannten „Rauchfrei-Ticket“ kann eine Patientin oder ein Patient für einen Rückruf angemeldet werden. Weitere Informationen unter: https://rauchfrei.at/
Fazit für die Praxis
Rauchen ist nicht nur ein ästhetisches Problem. Nikotin beeinflusst Durchblutung, Immunabwehr, Mikrobiom und Wundheilung und kann dadurch die Mundgesundheit und insbesondere den langfristigen Erfolg von Implantaten beeinträchtigen.
Für das zahnärztliche Team bedeutet das: Rauchstatus regelmäßig erheben, alle Nikotinprodukte berücksichtigen, Mundschleimhaut und Implantate aufmerksam kontrollieren und die fehlende Blutung nicht als Entwarnung interpretieren.
Und vor allem: nicht nur fragen, sondern handeln. Eine kurze, wertschätzende Intervention kann der erste Schritt zu einem Rauchstopp sein – und damit zu einer besseren Prognose für die gesamte Mundgesundheit und das Implantat.





