Beim digitalen Kongress der Implantat Stiftung Schweiz Bern geht es um die Möglichkeiten und Limitationen der digitalen Transformation in der Implantologie. Um diese Fragestellung etwas zu vertiefen ist das Dental Journal Schweiz mit Prof. Dr. med. dent. Michael Bornstein, Klinik für Oral Medicine & Health und Leiter Geschäftseinheit Forschung am Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel (UZB) zusammengekommen.

Lassen Sie uns doch gleich in die Zukunft schauen. Auch wenn Sie keine Glaskugel besitzen, aber wie wird die Zahnmedizin in 20 Jahren aussehen?
Ich hoffe, dass wir in zwanzig Jahren der personalisierten Zahnmedizin einen Schritt nähergekommen sind. Das heisst, dass wir über Algorithmen verfügen, die uns Zahnärzten bei komplexen Fällen Evidenz-basierte Entscheidungshilfen bieten. Es sollte nicht mehr vorkommen, dass, überspitzt gesagt, fünf Zahnärzte gemeinsam zu ebenso vielen therapeutischen Lösungsmöglichkeiten kommen. In Zukunft wird man hoffentlich sämtliche Patienteninformationen wie den medizinischen Gesundheitsstatus und auch die zahnmedizinisch relevanten Befunde eingeben können, worauf dann mittels künstlicher Intelligenz (K.I.) wissenschaftlich fundierte und individuell auf die jeweiligen Patientenbedürfnisse zugeschnittene Empfehlungen abgegeben werden können.

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Prof. Dr. med. dent. Michael Bornstein Studium der Zahnmedizin in Basel, Staatsexamen 1998, Promotion zum Dr. med. dent. 2001. Weiterbildung in Oralchirurgie und Stomatologie in Basel und Bern (1998-2003). Von 2016-2019 Professor für «Oral and Maxillofacial Radiology» und ab 2018-2019 Associate Dean für «Research & Innovation» an der Zahnmedizinischen Fakultät der Universität Hong Kong, Hong Kong SAR, China. Ab 2020 Honoray Professor an der Universität Hong Kong. Seit Januar 2020 Professor und Vorsteher der Klinik für Oral Health and Medicine und Leiter der Geschäftseinheit «Forschung» am Universitären Zentrum für Zahnmedizin Basel UZB.

Hätten Sie ein Beispiel für diese personalisierte Zahnmedizin?
Im Zusammenhang mit einer Schmerztherapie könnte dies so aussehen, dass die medizinische Vorgeschichte des Patienten inklusive seiner aktuellen  Medikation digital erfasst werden, so dass bei einer zahnmedizinischen Behandlung nur das auf den Patienten zugeschnittene, passende Schmerzmittel ausgesucht werden kann. Therapien können so zum einen effizienter und vor allem auch mit weniger Risiken, das heisst hier besonders Arzneimittel-bedingter Risiken, geplant und durchgeführt werden.

Wie stark verändert sich in Folge die Zahnmedizin als Wissenschaft?
Die Forschung in der Zahnmedizin ist in den letzten Jahrzehnten deutlich aufwändiger geworden. Heute ist es wohl kaum mehr möglich sozusagen im Hinterzimmer in seinem kleinen Labor eigene Untersuchungen durchzuführen. Heute sollte man vernetzt sein um Synergien zu bilden. Diese Vernetzung geschieht auf allen Ebenen, in der Klinik, im Labor, aber auch über fakultäre Grenzen hinweg. Bei der Forschung arbeiten wir am UZB viel interdisziplinär, zum Beispiel mit dem «Department of Biomedical Engineering», dem «Departement Biomedizin» oder mit dem Biozentrum der Universität Basel. Somit entsteht ein wichtiges Netzwerk mit Spezialisten aus allen Gebieten, was innovatives Denken fördert und ein Überleiten der Forschungsergebnisse in die Klinik stimulieren kann. Dies ist aber manchmal ein langer Prozess und kann sogar Jahrzehnte dauern.

Was bedeutet dies für die studentische Ausbildung? Wie zeigt sich diese Veränderung?
Forschung sollte idealerweise schon im Studium vermittelt werden. Durch Masterarbeiten und die Dissertationen können Studenten an der Forschung am UZB direkt teilnehmen. Studenten, die ins Forschungslabor gehen und eine Masterarbeit machen wollen, können dies bei uns im UZB jederzeit machen. Studenten, die das nicht interessiert, können ihre Masterarbeit auch in der Bibliothek tun. Die Wahlfreiheit ist gegeben. Wichtig ist es aber, dass kritisches Denken und auch die Komplexität der modernen Forschung vermittelt wird. Nur so werden die Studenten als zukünftige Zahnärzte Innovationen auch richtig ein- und wertschätzen können.

Wie wird die Künstliche Intelligenz (K.I.) in Zukunft der Zahnmedizin prägen?
In der Medizin ist das Aufkommen von Robotern und computergesteuerter Chirurgie ja schon lange ein Thema. Da gibt es beispielsweise schon seit den 1980er Jahren das Da-Vinci-Operationssystem, welches aber schlussendlich vom Menschen gesteuert wird. In den letzten Jahren hat die Künstliche Intelligenz Aufwind bekommen – auch in der Zahnmedizin. Besonders die Chinesen sind hier schon weit, was ich während meiner Zeit in Hong Kong aktiv erfahren durfte. Das primäre Ziel der K.I. in der Medizin ist es aber nicht den Arzt oder Zahnarzt zu ersetzten, sondern Abläufe und Entscheidungsprozesse in der täglichen Praxis zu erleichtern.

Also kein Roboter, der Implantate setzt?
Theoretisch ist dies zum Teil schon angedacht. Aber wer steuert dann den Roboter? Einen Roboter, der Implantate setzt, könnte man sich realistischerweise nur vorstellen, wenn er durch einen Spezialisten gelenkt wird und der Patient idealerweise in Narkose ist. Da stellt sich aber auch die Frage der Verhältnismässigkeit. Nicht alles, was theoretisch möglich ist, muss auch ökonomisch realisierbar sein. Somit sind solche Szenarien klar Zukunftsmusik. Ich glaube, das werde ich persönlich so nicht mehr erleben, weder in meiner aktiven Zeit noch in der Pension.

Was halten Sie denn für Realistisch?
Ich kann mir etwa bald eine Vereinfachung bei der Befundaufnahme mittels beispielsweise einer Panoramaschichtaufnahme vorstellen. Da erkennt das Computerprogramm Zähne, Füllungen und Implantate und überträgt dies dann umgehend in den dentalen Befund des Patienten. Ich muss also nicht mehr mühsam, zusammen mit meiner Assistentin, diese diversen Aspekte in ein Schema zeichnen. Kontrollieren werde ich diesen Befund aber schon noch müssen – auch Computer machen Fehler.

Und wo sehen Sie künstliche Intelligenz beim Eingriff am Patienten?
Das Thema der Navigation kommt in der Implantologie immer mehr. Dass kann etwa heissen, dass ich mit einer Art von «Googlebrille» arbeite, die mir zum Beispiel anzeigt, ob beim Implantieren die Achse stimmt und mich warnt, wenn ich aus der Achse gerate. Das Programm hilft mir dann auch, die Tiefe zu kontrollieren, damit ich keinen Nerven verletze.

Die digitale Transformation wird weder die Vorlesungen an der Universität ersetzen.

Apropos Patient. Sind diese nicht verunsichert, wenn zu viel Technik um sie herum sind?
Man sollte K.I. nicht immer in der Art von Dystopien in Romanen oder Filmen verstehen. Die Digitalisierung und K.I sind in der Regel nur dann gut und effizient, wenn sie so in meinen Arbeitsablauf eingebaut sind, dass ich es gar nicht mehr merke – und dann eben auch der Patient nicht. Das ist ja beim Smartphone nicht anders – hier hat es auch viel K.I. drin, aber wir können alle kaum noch ohne diese Innovation leben.

Reicht es heute noch einem Patienten einfach in den Mund reinschauen um einen Befund zu erheben?
Die persönliche, klinische Untersuchung ist genauso wichtig wie das Gespräch mit dem Patienten – dies wird immer so bleiben. Die K.I. kann, so wie ich vorgängig schon gesagt habe, aber die Befunderhebung und auch Therapieplanung ergänzen.

Welches wäre Ihr Fazit zur digitalen Transformation?
Digitale Entwicklungen und K.I werden nur dann erfolgreich sein, wenn diese in der Praxis auch umsetzbar sind. Nicht immer sind Innovationen aber wirklich von Bestand und nur wenige sind echte «game changer». Im Moment befinden wir uns mitten in einem Riesenhype mit unglaublichen Erwartungen. Ich habe das Gefühl, dass es irgendwie eine Science-Fiction-Erwartung gibt, bei welcher der Zahnarzt dann in einer Hängematte liegt und in seiner Praxis den Computer arbeiten lässt. Ich denke aber, dass wir es durchaus erleben werden, dass die meisten Praxen volldigital sind und dadurch auch zahlreiche Entscheidungs- und Arbeitsprozesse erleichtert werden. Ebenso werden dann auch die Daten der Patienten einfacher zugänglich sein.

Zum Schluss: Der ISS-Kongress wird zum Teil digital stattfinden, wir führen unser Gespräch per Zoom. Wird es in Zukunft überhaupt noch Hörsäle brauchen?

Gute Frage (lacht). Um wirklich erfolgreich zu studieren, zu lernen und zu interagieren braucht es einfach eine menschliche Komponente. Gerade bei dem Gruppenunterricht mittels «Problem Based Learning» lässt sich einfach nicht alles online machen. Auch habe ich bis heute nicht erlebt, dass etwa per Zoom eine wirklich heisse Diskussion entsteht, wie dies etwa während einer Vorlesung oder an einem Kongress der Fall sein kann. Und auch das Networking per Zoom ist nicht einfach. Somit gilt sicher: Digital kann viel, aber eben nicht alles!

 

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