Wenn Nora Gallmetzer über Zahnbürsten spricht, klingt das nach Revolution. Die Tochter des Dental-Unternehmers Dietrich Gallmetzer will einen Markt aufmischen, der sich seit einem Jahrhundert kaum verändert hat. Mit ihrer Marke Promis bringt sie nicht nur Nachhaltigkeit in die Badezimmer Europas, sondern auch Design und Motivation – dort, wo sie am dringendsten gebraucht werden.

Die Idee zu Promis entstand vor etwa fünf Jahren aus einer ernüchternden Beobachtung. „Wir sind schon sehr lange in diesem Dentalbereich“, erklärt Nora Gallmetzer. „Durch unsere eigene Klinik mit Dentalhygienikern fiel sehr auf, dass die italienische Bevölkerung eine mangelhafte Grundlage in der Zahnpflege hat.“ Als sie sich den Zahnpflegemarkt genauer ansah, stellte sie fest: „Dieser Bereich hat sich seit Jahrzehnten, fast einem Jahrhundert, nicht wirklich viel geändert. Klassisch: Zahnbürste, Zahnpasta, Zahnbürste im Glas zu Hause.“ Die Motivation vieler Menschen, täglich ordentlich Zähne zu putzen, war gering. Die Frage war: Wie kann man das ändern?
Nachhaltigkeit trifft aufFunktionalität
2020, als Nachhaltigkeit plötzlich in aller Munde war, schaute sich die junge Unternehmerin den Dentalbereich genauer an – und war schockiert. „Da passierte eigentlich extrem gar nichts im Nachhaltigkeitsbereich“, erinnert sie sich. „In einem Bereich, wo wir ein Objekt jeden Tag benutzen und drei-, viermal im Jahr die Zahnbürste wechseln sollen, wird extrem viel Müll produziert.“ Die Vision war klar: Ein nachhaltiges, schönes Produkt schaffen, das sowohl der Umwelt als auch der Gesundheit zugutekommt – und die Menschen motiviert, es besser zu machen. Was einfach klingt, war kompliziert. Sechs bis sieben Monate investierte Nora Gallmetzer allein in die Recherchearbeit. Zuckerrohrtuben als Alternative zu Plastiktuben waren damals noch absolute Nischenprodukte. Produktionsfirmen, die nachhaltige Materialien verarbeiteten, musste sie erst finden. „Der erste Entwurf sah ganz anders aus, als wir heute aufgestellt sind“, sagt sie rückblickend.
Trotz des Nachhaltigkeitsfokus war eines für die Gallmetzers tabu: Kompromisse bei der Mundgesundheit. „Unser erstes Ziel ist Mundgesundheit. Und da, wo Nachhaltigkeit an Materialien Sinn macht, wollen wir das machen – aber nicht so, dass wir Angst haben müssen, dass wir unser Zahnfleisch oder unsere Zähne verletzen“, erklärt Nora Gallmetzer. Deshalb fielen Bambus- und Echtholz-Zahnbürsten schnell durch. „Wir haben sie selbst getestet und waren mit dem Mundgefühl überhaupt nicht zufrieden“, sagt sie. „Ein Zahnarzt würde wahrscheinlich keine Bambus- oder Holzzahnbürste empfehlen. Dadurch, dass es ein Naturmaterial ist, bleibt Wasser lange gespeichert. Das heißt, Bakterien können sich schneller entwickeln.“ Auch die Borstenqualität überzeugte nicht. „Normale Bambus-Zahnbürsten haben nur 500 Borsten. Je mehr Borsten, desto besser können wir die Plaque entfernen.“
Die Promis-Zahnbürsten haben deutlich mehr Borsten – abgerundet, um das Zahnfleisch zu schützen. „Das ist ein eigener Prozess in der Produktion. Natürlich bedeutet das auch einen Mehrwert.“

Die Materialien: Abfall wird zum Produkt
Die Lösung fand Nora Gallmetzer in einem innovativen Material namens Lignin – Reste aus Papier- und Zelluloseproduktion, gemischt mit Zuckerrohr, Mais und Stärken. „Das ist alles, was als Abfallbereich in anderen Produktionen anfällt“, erklärt sie. Das Material ist zwar nicht direkt kompostierbar – „man wirft es in den normalen Hausmüll, wo es verbrannt wird“ – hat aber einen sehr geringen CO2-Abdruck, sowohl in der Produktion als auch bei der Verbrennung. Bei anderen Produkten setzt Promis auf Zuckerrohrtuben und recyceltes Plastik aus italienischen PET-Flaschen. Entscheidend: „Wir produzieren in Europa – Spanien, Italien, Schweiz und Deutschland. Wir sind lokal veranlagt. Auch das drückt den CO2-Abdruck.“
Die Gallmetzer-Familie macht keine halben Sachen. „Wir kaufen weder aus China noch von anderen Händlern zu. Wir machen das alles selber. Das Investment war erheblich. Die Familie hat nie Dividenden ausgeschüttet – alles wurde reinvestiert. „Beim Aufbau von Promis haben wir Kapital gebraucht. Da hat es natürlich eine Menge Liquidität gebraucht“, gibt er zu. Die Strategie zahlt sich aus. Promis ist mittlerweile weltweit erhältlich. In Österreich und Deutschland findet man die Produkte im Naturprodukteregal der Drogeriekette Müller. „Das freut uns sehr, weil der Konsument dort natürlich sehr häufig seine Zahnpflegeprodukte kauft“, sagt Nora Gallmetzer. Gleichzeitig vertreibt sie die Produkte über Amazon und setzt stark auf Zahnärzte als Meinungsbildner, die die Produkte testen und weiterempfehlen.
Die Vision: Das komplette Programm
Nora Gallmetzer ruht sich nicht auf dem Erreichten aus. „Wir machen gerade die Kinderlinie fertig und entwickeln eine Interdentalbürste. Wir möchten das komplette Programm abdecken“, erklärt sie.
Die ständige Weiterentwicklung ist Programm. „Der Nachhaltigkeitsbereich entwickelt sich extrem weiter mit neuen Materialien“, sagt Nora Gallmetzer. „Es gibt neue Firmen, die viel in Entwicklung investieren, die wir aufmerksam verfolgen. Meine Schwester kümmert sich um Zertifizierungen und darum zu verstehen, wie sich neue Materialien im Mund verhalten, wie sie auf Bakterien reagieren.“ Das große Ziel: Die kompostierbare Zahnbürste. „Das ist sehr schwierig“, räumt sie ein. „Aber wir bleiben dran.“
Für die Familie Gallmetzer ist Promis mehr als ein Produkt – es ist Teil einer größeren Vision. „Ich sehe unsere Gruppe im Dental-Healthcare-Produktionsbereich und im Nachhaltigkeitsbereich führend“, sagt Vater Dietrich Gallmetzer mit Blick auf die nächsten fünf Jahre. Der Börsengang in Wien, die massive Investition in die Anästhesie-Produktion, die geplante Wiedereröffnung eigener Kliniken mit Nachhaltigkeitsfokus – alles Bausteine einer Strategie, bei der Promis eine Schlüsselrolle spielt. Und während der Patriarch weiter expandiert und konsolidiert, beweist seine Tochter Nora mit Promis, dass die nächste Generation nicht nur erben, sondern auch gestalten will. Mit einer Mischung aus Pragmatismus, Design und echtem Nachhaltigkeitsbewusstsein – ganz ohne Greenwashing.
Die grüne Revolution im Badezimmer hat gerade erst begonnen.




